Gehen Sie’s ruhiger an – lassen Sie Ihr Gehirn spazierengehen

Ich habe im letzten Jahr sehr viele Seminare in ganz Österreich in unterschiedlichsten Berufsbereichen gehalten. Im Management, in Magistraten, BfI, Musiker- und Sängerkreisen, Seminare mit Privatpersonen, Sachwaltern, Einzeltrainings etc. Und überall war ein Thema vordergründig präsent! Die Zeit, von der angeblich so wenig da ist, die wir ersehnen, die Zeit, die uns fehlt, um Freunde zu treffen, die Zeit, der wir vergeblich hinterherrennen und uns gleichzeitig hoffnungslos verplanen mit beruflichen und Freizeitaktivitäten. Wo ist sie? ‚“Nichtstun“ ist in unserer Gesellschaft nicht erwünscht, negativ behaftet und so beschäftigen wir uns rund um die Uhr, und wenn wir nur mit dem Handy wild gestikulierend durch die Gegend laufen, um zu zeigen, dass wir beschäftigt sind. Dabei ist es mittlerweile neurobiologisch erwiesen, dass unser Gehirn, die besten „Geistesblitze“ dann hervorbringt, wenn es „nichts bestimmtes“ tut. Dann kann es sich mit sich selbst beschäftigen und das eigene Bewusstsein pflegen. Ein gesunder Leerlauf wäre so gesehen geradezu lebenswichtig für unsere geistige Gesundheit. Dann kommen die „Geistesblitze“ wie aus dem Nichts.
Wenn man das Gehirn sich selbst überlasse, so könne es „sich wunderbar mit sich selbst unterhalten und gewissermaßen in sich selbst spazierengehen“. (Hirnforscher Wolf Singer aus dem Buch „muße“ von Ulrich Schnabel)
Eine Geschichte von Heinrich Böll aus dem Jahr 1963 zeigt uns auf sehr schöne Art und Weise die Absurdität unseres „Getriebenseins und Erfolgstrebens“.
In einem Hafenstädtchen liegt ein armer Fischer gemütlich in seinem Boot und schläft. Ein urlaubender Unternehmer kommt vorbei, fotografiert die idyllische Szene und weckt dadurch den Fischer auf. Die beiden kommen ins Gespräch, unterhalten sich über den Fischfang und die gemächliche Arbeitsphilosophie in dieser Gegend. Als der Reiche erfährt, dass der arme Fischer immer nur einmal am Tag ausfährt und den Rest des Tages herumgammelt, ist sein unternehmerischer Ehrgeiz geweckt. Warum er denn nicht ein zweites oder gar drittes Mal ausfahre? Der Fischer nickt, versteht aber nicht, was ihm das bringen solle. Da belehrt in der ungeduldig werdende Unternehmer: “ Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten und dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen […]“, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, „Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rumfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben.“ Doch der Fischer, unbeeindruckt von der Euphorie seines Gegenübers, fragt noch immer verständnislos: „Was dann?“ „Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann können Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.“ „Aber genau das tue er doch längst, antwortet der Fischer und fügt hinzu: „nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“
Dieses Beispiel bringt den ganzen Wahnsinn der Beschleunigungsgesellschaft zum Ausdruck, was sich heute bald 50 Jahre nach dem Erscheinen dieser Kurzgeschichte von Heinrich Böll in heilloser Überforderung durch übertriebenen Ehrgeiz, burnouts, Depressionen und chronischer Unzufriedenheit äußert. Der Mensch flüchtet vor sich selbst und versucht sich mit scheinbaren ERfolgen zu befriedigen und auch zu legitimieren.
Eine kleine Anregung: verlangsamen Sie Ihre Schritte, bleiben Sie stehen, schauen Sie das Schöne an, das Sie umgibt, staunen und atmen Sie und dann gehen Sie weiter. Langsam, mit bewussten Schritten, denn darin liegt Ihre Chance, sich wieder selbst zu begegnen.
Übrigens: das Buch „muße“, Vom Glück des Nichtstuns, Ulrich Schnabel, erschienen im Blessing Verlag ist äußerst empfehlenswert!
Ab jetzt gibt’s wieder regelmäßig Neues zu berichten.
Und es gibt heuer ein neues Buch von mir……..aber darüber erzähle ich ein anderes mal.
Ich freue mich auf Ihre Anregungen, Blogbeiträge, Anfragen etc.
Ihre AnLaKa

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Ein Gedanke zu “Gehen Sie’s ruhiger an – lassen Sie Ihr Gehirn spazierengehen

  1. Ich bin soeben beim durchstöbern Deines Blogs auf diesen Beitrag von Dir gestossen, der mir sehr gefällt. Er beschreibt kurz und deutlich ein gegenwärtiges Denk- und Verhaltensmuster das wohl vorwiegend in der westlichen Gesellschaft vorkommt. Gleichzeitig zeigt er auf wie absurd dieses Nachrennen eines von der Gesellschaft selbst konstruirten Ideals ist. Das Leben hier auf Erden ist kurz und kann auch zu schnell vorbei sein. Ich denke es ist sinnlos es mit durch Eitelkeit genährten Ehrgeiz (um dies und jenes zu haben und herzeigen können, um „wer“ zu sein usw.) zu vergäuden.

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